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Was bedeutet der Coronavirus für Muslime?

Frage:
In der Welt haben sich Infektionen verbreitet und die Namen der Viren sind in aller Munde. Es wird berichtet, dass eine große Anzahl an Menschen an einer Infektion versterben könnten. Wir wissen als Muslime nicht, ob die Berichterstattung bewusst übertrieben wird. Wie müssen wir als Muslime solche Geschehnisse betrachten? Seien Sie Allah anvertraut.

Antwort:
Wie wir wissen, gab es in der Menschheitsgeschichte bis in die Gegenwart neuartige Infektionskrankheiten. Was müssen Muslime über solche Krankheiten wissen, und welche Regeln gilt es zu beachten, wenn es solche Infektionen zu beurteilen gilt? Diese Frage können wir zusammenfassend wie folgt beantworten:

  1. Wenn wir die Fragestellung aus der Perspektive unseres Glaubens (îmân) betrachten, sollten wir uns an folgenden Grundprinzipien orientieren:
    Influenza, Kolera, Ebola, SARS und Corona sowie andere virale Infektionskrankheiten, die in eine Epidemie oder sogar Pandemie auslösen können, sind, wie alle anderen Krankheiten auch, ein schicksalhaftes Ereignis. Das bedeutet, dass Allah bestimmt hat, dass sich diese oder jene Infektion verbreitet, wenn wir vor einer Epidemie oder Pandemie stehen. Wir dürfen nicht vergessen, dass in dieser Welt, ohne Allahs Erlaubnis, nichts passiert. Was wir sehen sind oberflächliche, diesseitige Umstände, durch die Allah eine Infektion verbreiten lässt. Wir sehen beispielsweise ein mangelndes Hygieneverständnis von Menschengruppen oder die Vernachlässigung organisatorischer Maßnahmen, die eine Infektion begünstigen können. Die Menschheit ist verantwortlich für Ihre Taten, und Allah lässt die Konsequenzen dieser Taten zu oder verhindert sie. Dass die Menscheit für ein Geschehnis selbst verantwortlich ist und aus dem eigenen Handeln des Menschen bestimmte Konsequenzen entstehen, wusste Allah bereits vor der Erschaffung der Menschen und schrieb es fest. Und das ist es, was wir Schicksal (qadr) nennen. Auf diese Weise müssen wir glauben, denn es ist Inhalt unserer Glaubensüberzeugung (îmân). Dieses Glaubensverständnis, was wir an den Tag legen, sollte keineswegs dazu führen, in Panik zu verfallen und auszurasten. Viel mehr sollte es uns dazu verleiten, zu denken, dass unsere Sünden und vergangen Fehler dadurch gelöscht werden, also eine Art Buße zu tun. Zudem sollte es uns dazu verleiten, zukünftig zu besseren Menschen werden zu wollen. Diese Art von Geschehnissen sollten Anlass bieten, unsere Demut und Aufrichtigkeit (ikhlâs) zu stärken. In Situationen einer Epidemie oder Pandemie sollten Bittgebete (duʿâʾ) als eine ʿibâda aus noch tieferem Herzen gesprochen werden. Infektionen, die sich verbreiten, gehören zum Schicksal (qadr) der Menschheit. Nichtmuslime können anhand dieser Krankheiten nicht nur ihr Leben, also ihr Diesseits verlieren, sondern auch ihr Jenseits. Muslime jedoch, die dadurch Schwierigkeiten im Diesseits erfahren, können hoffen, dass diese diesseitigen Schwierigkeiten zum Vorteil im jenseitigen Leben führen werden. Inschallah werden die Probleme dieser Welt für einen Muslim zum Anlass der Barmherzigkeit Allahs im Jenseits. Somit können solche Katastrophen dazu führen, dass Muslime ihr diesseitiges Leben wieder gesünder und ausgeglichener gestalten. Muslime nehmen diese Art von Katastrophen also zum Anlass und als Möglichkeit, um sich sowohl für ihr Diesseits als auch für ihr Jenseits einen Vorteil zu verschaffen, wie z. B. tauba zu begehen, dem Tod zu gedenken und sich die Vergänglichkeit des Diesseits vor Augen zu führen.
  2. Während Epidemien oder Pandemien werden die Menschen in bestimmten Dingen sensibler und reagieren auch sensibler. Was man vorher für unmöglich gehalten hätte, kann sich nun in völlig akzeptablem Rahmen gestalten. Eine einfache Lüge, kann aufgefasst werden, als ob es sich um ein Gesetz handele. Es gehört zu den Qualitätsansprüchen eines Muslims, keine neuen Gerüchte in die Welt zu setzen, nicht zu sprechen ohne fundiertes Wissen zu besitzen und sich vor allerlei Gerede fernzuhalten und keinen Beitrag dazu zu leisten. Egal in welchem Land ein Muslim leben mag; ob es sich um ein muslimisches oder nichtmuslimisches Land handelt, ein Muslim sollte aufpassen was er erzählt und was andere ihm erzählen. Ein Muslim sollte sich stets an offizielle Aussagen und Empfehlungen offizieller Instanzen orientieren. Ein Muslim hat schließlich auch nichts mit übler Nachrede und leerem Gerede am Hut.
  3. Solche Katastrophen auszunutzen und angefangen von Nahrungsmitteln bis hin zu Medikamenten, überzogenen Preise anzubieten oder Schwarzhandel zu betreiben, ist eine Sünde (harâm), die der Stufe der großen Sünden nahekommt. Das darf man nicht vergessen. Der Schaitan kommt nämlich und sagt: „Diese Gelegenheit bietet sich nur einmal im Leben und man sollte es schnell ausnutzen!“. Stattdessen sollten Muslime sich nicht auf diese Art von Einflüsterungen (waswasa) einlassen und es wie folgt interpretieren: „Die Situation und Panik von Menschen auszunutzen und damit Wucher zu betreiben mag vielleicht ein einmaliger Fehler sein, aber dieser eine Fehler kann einen bereits ins Höllenfeuer befördern.“
  4. Bezüglich Infektionen, die sich verbreiten, sagt unsere Religion Folgendes:
    Es existiert kein Verständnis, dass einfach Mal so ein Virus hervorkommen und die ganze Menschheit ausrotten wird. Ein solches Verständnis ist falsch und würde bedeuten, Allahs Urteil nicht zu beachten, obwohl Er die Menschen erschaffen hat. Eine Krankheit oder Infektion, die entstanden ist und sich verbreitet, verbreitet sich auch nur innerhalb der Grenzen, die Allah dafür vorhergesehen hat, also im Rahmen des Schicksals (qadr). Die Diener Allahs müssen hierbei ihr Bestes tun, um die Infektion einzudämmen und auszurotten, auf die gleiche Weise wie sie ihr Bestes tun, um Geld zu erwirtschaften und ihre Familien zu ernähren. Sie arbeiten und Allah bestimmt ihre Arbeit als Mittel zur Versorgung. Muslime dürfen also nicht nur zusehen und auf Allah vertrauen, sondern etwas dagegen unternehmen und trotzdem auf Allah vertrauen. So sollte unser grundlegendes Verständnis sein.
  5. Dass Menschen aufgrund einer solchen Pandemie oder Epidemie sterben, zeigt nicht, dass die Verstorbenen schlechte Menschen waren, die durch Krankheit bestraft wurden. 17 Jahre nach der Hidschra verstarben einst viele Gefährten des Propheten ﷺ an einer Infektionswelle. So Allah will, sind diese Gefährten als Märtyrer verstorben. Damals erlagen große Gefährten wie Abū ʿUbaida ibn al-Dscharrāh und Muʿāḏ ibn Ǧabal – möge Allah Wohlgefallen an ihnen haben – der Infektionswelle.
  6. In solchen Situationen wird noch einmal deutlich, wie wichtig Hygienestandards und Reinheitsverständnis sind, die uns der Islam vorgibt. Die Hygiene von Mund-Nase-Ohr, der Umgang mit Unreinheiten (nadschasât), Toilettenhygiene und die Hygiene außerhalb des Bereichs der Gebets- und Ganzkörperwaschung sind Themengebiete, die von großer Wichtigkeit sind und wiederaufgefrischt werden sollten. Das gleiche gilt für Hygiene und Vorschriften in Sachen Halal-Speisen. Die Menschheit sollte sich bewusst sein, dass durch Taten, die der Islam als Sünde eingestuft hat, Infektionskrankheiten sich vermehren können, wie es bei unehelichem Geschlechtsverkehr (zinâ) bzw. häufig wechselnden Geschlechtspartnern der Fall sein kann (HIV-Infektion). Die Erlaubnis zur Sünde kann letztenendes zu einem Fluch für die Gesellschaft und Menschheit werden.
  7. In unserer heutigen Zeit, in der vermehrt neuartige Krankheiten entstehen und bereits vorhandene Krankheiten sich stärker vermehren, ist es ein angemessenes Verhalten, wenn zwei Heiratskandidaten sich gegenseitig ihre Gesundheitsatteste vorlegen (z. B. HIV-Test, Hepatits-Test etc.).
  8. Wenn eine infizierte Person eine andere, gesunde Person aufgrund seiner Nachlässigkeit und Unachtsamkeit ansteckt und die andere Person dadurch stirbt, muss ein Muslim laut islamischem Recht den Betroffenen eine Sühneleistung wegen fahrlässiger Tötung entrichten (kaffâra). Wie empfindlich dieses Thema ist, wird anhand dieser Tatsache deutlich.
  9. Im Falle einer Pandemie kann der Staat eine Quarantäne verordnen. Dieses Vorgehen findet sich auch im Islam wider, denn der Prophet ﷺ befahl keine Gegenden zu betreten, in denen es vermehrt zu Todesfällen aufgrund von Infektionen gekommen war. Somit muss ein Muslim auch in einem nichtmuslimischen Land dem Urteil der Quarantäne Beachtung schenken, zumindest aufgrund seiner Religiosität und seinem Zugehörigkeitsgefühl zum Islam und dem Propheten ﷺ. Nicht krank zu werden ist ebenso wichtig, wie die Krankheit nicht zu verbreiten. Was immer auch die Medizin und andere Erfahrungswerte des Menschen in solchen Situationen für richtig empfinden, müssen Muslime diesen Anweisungen Folge leisten, weil es ihr Dasein als Mulsim von ihnen erwartet.
  10. Im Falle einer Quarantäne kann es auch notwendig werden, Menschenansammlungen zu vermeiden oder aufzulösen. Das würde auch das Freitagsgebet und die Festtagsgebete der Muslime betreffen. Sind diese Art von Ansammlungen kritisch aus Sicht der Verbreitung der Infektion, ist es für Muslime zulässig zu Hause das Mittagsgebet statt dem Freitagsgebet zu verrichten. Ein infizierte Person sollte den Gang zum Freitagsgebet vermeiden, wenn ihm kein abgeschirmter Platz in der Moschee angeboten werden kann. Dies ist die Meinung der Mehrheit der Gelehrten.
  11. Aufgrund von gängigen, relativ harmlosen Infektionskrankheiten die Pilgerfahrt (Haddsch oder Umra) zu verbieten, kann nicht akzeptiert werden und stellt eine Art von Tyrannei dar. Infektionskrankheiten jedoch, die von Experten als gefährlich eingestuft werden und eine Epidemie kritisch schwerwiegende Konsequenzen haben könnte, können als Grund dazu dienen Muslimen die Pilgerfahrt in die heiligen Stätten zu untersagen. Die Einreise nach Mekka und Medina kann also untersagt werden. Wenn dieses Verbot aufgrund von politischen Spielchen oder sonstigen Intrigen herbeigeführt wird, so sind die verhinderten Muslime inschallah frei von jeglicher Schuld, wenn sie beispielsweise ihrer Pflicht die Haddsch zu vollziehen nicht nachkommen können.
  12. Vor allem virale Krankheitserreger sind oftmals tierischen Ursprungs. Ist dies der Fall und offizielle Expertengremien bestätigen aus wissenschaftlicher Perspektive die Tatsache, dass sich durch eine bestimmte Tierart die Infektion verbreiten wird, können die Tiere unter bestimmten Voraussetzungen getötet werden. Die Tötungsmethoden müssen bestmögliche Schmerzfreiheit bieten und optimalerweise frei von jeglicher Qual sein.
  13. In Quarantäne-Gegenden sind oft viele Menschen erkrankt. Diese Menschen werden oft als ein Zeichen des Unglücks oder schlechten Omens gedeutet. Dies ist falsch, denn es ist und bleibt eine Krankheit. Auch wenn die Krankheit die Stufe einer Pandemie erreichen kann, so dürfen wir sie nicht als Mittel nehmen, um andere Menschen herabzustufen. Ein klares Urteil zu treffen oder gar sich darüber zu belustigen, dass diese oder jene Epidemie oder Pandemie die Strafe Allahs auf die betroffenen Menschen darstellt, ist eine unpassende und unnötige Aussage. Aufgrund einer Katastrophe schadenfroh zu sein und seine Belustigung darüber auszudrücken, ist falsch. Genauso falsch ist es, solche Art von Katastrophen, sei es durch Infektionen oder Naturereignisse, zum Vorteil der Länder oder Völker auszulegen, die es nicht betrifft. Wir versuchen das Bestmögliche, sowohl in geistlicher als auch materialistischer Hinsicht, damit wir solche Katastrophen beseitigen können und nicht zu jenen gehören, die eine solche Strafe von Allah verdient hätten. Sobald die Situation wieder in Ordnung ist, danken und lobpreisen wir unseren Herrn, Allah, dem Erhabenen.

Nureddin Yildiz

Quelle: https://fatwazentrum.de/eine-muslimische-sicht-auf-infektionen-epidemien-pandemien-wie-z-b-durch-das-corona-virus/

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